Bring Your Own Device Christa Koenen

Bring Your Own Device – selbstorganisiert und sicher

DB Systel, Informations- und Kommunikationstechnik-Provider der Deutschen Bahn, befindet sich mitten in der Transformationsphase von der klassischen Arbeitswelt in die Selbstorganisation. Christa Koenen, Chief Executive Officer & Vorsitzende der Geschäftsführung bei DB Systel, beschreibt, wie dieser Schritt Innovationskraft ermöglicht und wie DB Systel eine cybersichere Umgebung für die Bring Your Own Device-Strategie der Deutschen Bahn ermöglicht. 

Christa, ich habe vor kurzem in einem Tweet gelesen, dass Du Dir IT und Technik als Schul-Pflichtfächer wünscht. Befürchtest Du, dass Deutschland den Anschluss verlieren könnte?

In immer mehr Berufen ist es zumindest förderlich, wenn nicht gar schon notwendig, eine entsprechende Grundausbildung in Informatik zu haben. Nebenbei wird durch diese Inhalte die Medienkompetenz gefördert, weil die Schüler lernen, aufgeschlossen mit dem Computer und IT umzugehen. In Österreich oder England steht Informatik zum Beispiel spätestens ab der 5. Klasse als Pflichtfach auf dem Stundenplan. Und Fakt ist: Die Digitalisierung beeinflusst in zunehmendem Maße die Art, wie wir leben, lernen und arbeiten – also warum sollen unsere Kinder nicht schon in der Schule das nötige IT-Rüstzeug dafür bekommen und somit gut vorbereitet und international wettbewerbsfähig in die Arbeitswelt oder ins Studium starten?

Letztes Jahr hast Du beim #ada16 berichtet, das die DB Systel ihre Arbeitsweise umstelle. Was hat sich in dem einen Jahr getan? Was läuft super? Wo muss nochmal geschraubt werden?

Momentan befinden sich fast 90 Teams in der Transformationsphase von der klassischen Arbeitswelt in die Selbstorganisation. Und auch in den Teams, die sich noch nicht in dieser Phase befinden, wird zunehmend eine neue Haltung spürbar. Durch die angestoßene Transformation wird in der DB Systel sehr viel Energie freigesetzt, die in spannende innovative Themen fließt und auch unser Kerngeschäft erneuert. Um dies zu untermauern und zu ermöglichen, konnten wir erfolgreich eine Gesamtbetriebsvereinbarung mit dem Betriebsrat schließen und haben damit die Basis für eine Transformation geschaffen, die „auf sicheren Beinen steht“. Erklärtes Ziel ist es, die Transformation der Hälfte unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in die Selbstorganisation bis Ende nächsten Jahres zu schaffen. Jetzt geht es daher für uns um den Kern der Umsetzung: Den Switch für die Teams in die selbstorganisierte Arbeitswelt. Hierzu müssen noch ein paar Hürden überwunden werden, die vor allem rechtlicher und organisatorischer Natur sind. Aber auch hier sind wir gemeinsam mit dem Betriebsrat und der Personalabteilung auf einem guten Weg, zusammen zu lernen und vieles – ohne „endlose“ Abstimmungsrunden – pragmatisch in die Tat umzusetzen.

Geht es auch für die Deutsche Bahn in die Cloud? Was sind die größten Herausforderungen, wenn man auf ein eigenes Rechenzentrum verzichten will.

Wir wollen bis 2022 mindestens 80% der Anwendungen, die wir für unsere DB Kunden betreiben, in die Cloud verlagern. Dazu haben wir bereits seit geraumer Zeit ein speziell zusammengesetztes Systelteam im Einsatz, das ausgesuchte DB-Anwendungen in die Cloud migriert und hier auch sehr erfolgreich ist. Eine der größten Herausforderungen in diesem Zusammenhang ist der Aufbau von Wissen über die Möglichkeiten und den Umgang mit der Cloud-Technologie bei den eigenen Mitarbeitern. In unserem Rechenzentrum in Berlin, von dem wir uns dieses Jahr trennen werden, wurde das „klassische RZ-Wissen“ Jahr für Jahr angehäuft und vertieft. Für die meisten der entsprechenden Mitarbeiter stellt die Cloud-Technologie einen Paradigmenwechsel dar. Nun müssen wir diese Kolleginnen und Kollegen – ergänzend zu dem bestehenden Team – möglichst schnell qualifizieren, um mit der neuen Technologie in dem erforderlichen Umfang arbeiten zu können. Dazu haben wir eigene Projekte und Unterstützerteams in den Einheiten etabliert, um das möglich zu machen.

Stimmt es, dass die Deutsche Bahn eine Bring Your Own Device-Strategie fährt, Mitarbeiter also ihre Wunsch-Devices nutzen können? Ist BYOD nicht ein unheimliches Sicherheitsrisiko für die Unternehmens-IT?

Wir haben zunächst eine Möglichkeit geschaffen, dass externe Kolleginnen und Kollegen mit ihren eigenen bzw. Privat-Rechnern arbeiten können. Dabei nutzen wir die Tatsache, dass die Netzverbindungen in den letzten Jahren immer besser geworden sind, denn das Unternehmensnetzwerk läuft auf den Mitarbeitergeräten in einer virtuellen Umgebung. In dieser VDS-Umgebung hat der Mitarbeiter verschlüsselten Zugang zu allen notwendigen Anwendungen und unternehmensinternen Netzverbindungen. VDS steht für „Virtual Desktop Services“. Die Ausführung von Anwendungen erfolgt dabei nicht auf dem lokalen Gerät (Notebook oder Desktoprechner). Stattdessen werden der Desktop (Betriebssystem) und die Anwendungen bei Virtual Desktop Services auf einem Server im Rechenzentrum ausgeführt. Auf das lokale Gerät des Benutzers wird dabei nur der Bildschirminhalt übertragen. Dadurch besteht keine direkte Verbindung zwischen dem BYOD-Gerät und dem Unternehmensnetzwerk. Wir hoffen, dass wir dieses Bring Your Own Device-Angebot in Zukunft auch auf die eigenen Mitarbeiter ausweiten können.

Und auch wenn Du diese Frage wahrscheinlich schon zu oft gehört hast: Wie weit in der Zukunft liegt die Vision von Bahnkunden, die flächendeckend WLAN in allen Nah-, Regional- und Fernzügen haben?

Seit Januar dieses Jahres ist das neue, verbesserte WLAN in den ICEs für alle Reisenden kostenfrei verfügbar. Auch in einigen Regionalzügen testet die Deutsche Bahn solche Angebote, so werden z.B. die S-Bahn Stuttgart und das komplette Nahverkehrsnetz in Sachsen-Anhalt aktuell mit entsprechender Technik ausgestattet. Was ein flächendeckendes WLAN generell schwierig macht, ist die Heterogenität der eingesetzten Züge und auch der verantwortlichen Betreiber. So vergibt jedes Bundesland bzw. die entsprechende Kommune den Regionalverkehr in Eigenregie. Und nicht immer ist es die Deutsche Bahn, die diese Leistungen erbringt. Ziel ist es aber, in enger Kooperation mit den Aufgabenträgern bis 2020 einen Großteil der DB Regio Flotte auszustatten. Auch die verwendeten Fahrzeuge machen es entweder leicht WLAN anzubieten, da eine entsprechende interne Vernetzung schon vorhanden ist. Oder es handelt sich um ältere Züge, die aufwendig mit dieser Technik nachgerüstet werden müssen. Und last but not least gibt es heute immer noch – auch im Bereich von Bahnstrecken – „Funklöcher“ bzw. seitens der Mobilfunkbetreiber unzureichend „ausgeleuchtete“ Bereiche. Insofern wird es aus meiner Sicht noch eine Zeit dauern, bis WLAN in jedem Zug im Fern- und vor allem im Nahverkehr in einer guten Qualität verfügbar sein wird.

WomenInTech Interviews Ada Lovelace 2017

Dieser Artikel stammt aus der Interviewsammlung Ada’s Heiresses 2017, in der SprecherInnen des Ada Lovelace Festivals 2017 Stellung nehmen. Hast Du Lust auf noch mehr #WomenInTech-Content? Dann kannst Du Dir Ada’s Heiresses hier kostenlos herunterladen.

Christa Koenen

Christa Koenen arbeitete nach ihrem Studium der Volkswirtschaft in Mainz und Freiburg in verschiedenen Unternehmen, unter anderem im Direktmarketing und als Strategieberaterin. Durch ihren MBA, den sie an der IESE in Barcelona erwarb, bekam sie weitere Einblicke in verschiedene Firmen. Seit 2004 ist Christa Koenen bei der Deutsche Bahn AG tätig, zunächst in der Konzernentwicklung, später dann im Geschäftsfeld Dienstleistungen, wo sie in Personalunion das Controlling und die Geschäftsentwicklung leitete. Im August 2011 übernahm sie die Geschäftsführung Finanzen/Controlling der DB Kommunikationstechnik GmbH. Im Mai 2014 wechselte Christa Koenen als Geschäftsführerin zu DB Systel. Sie übernahm zunächst die Geschäftsführung Finanzen/Controlling, zum 1. Mai 2015 dann den Vorsitz der Geschäftsführung. Aktuell gestaltet sie über die IT die Digitalisierungsstrategie des DB Konzerns mit, u.a. durch Cloud First Strategie sowie Raum für Innovationen im Bereich Blockchain, KI und IoT.