Professorinnen Traumberuf Hochschulen Sissi Closs

Zu wenig Professorinnen an Hochschulen — dieses Projekt will das ändern

Nicht nur bei Studierenden, sondern auch Hochschullehrenden klafft eine Gender Gap. Es wird Zeit, mehr Professorinnen an die Hochschulen zu bringen. Wie, verrät Ada’s Expert Sissi Closs von der Hochschule Karlsruhe in diesem Interview.

Sissi, gerade wurdest Du für die Liste der „25 Frauen, deren Erfindungen unser Leben verändern“ des Magazins Edition F nominiert. Verrätst Du uns, was Du wann erfunden hast? Und was hat es verändert?

Sissi Closs: Ich habe 1987 mit Comet Computer die erste Firma für Software-Dokumentation in Deutschland gegründet. Das war damals ein völlig unbekanntes Themenfeld und keiner hat geglaubt, dass ein Dienstleistungsunternehmen damit erfolgreich sein kann. Wir hatten vom ersten Tag an Erfolg, aber mussten alles von Null auf entwickeln und insbesondere unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter selbst ausbilden. Neben der fachlichen Besonderheit haben wir uns auch durch unsere Unternehmenskultur von den gängigen Modellen unterschieden. Von Anfang an haben wir auf flexible Arbeitsmodelle und hohe Eigenverantwortung mit wenig Hierarchie gesetzt. Dank dieser Kultur haben wir hervorragende Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gewonnen mit einem hohen Frauenanteil trotz des technischen IT-lastigen Umfelds. Das war ein außerordentliches Erfolgsmodell, dem wir zahlreiche Auszeichnungen verdanken sowie große Anerkennung und Bekanntheit weit über die eigene Branche. Unsere innovative Unternehmenskultur wurde ein Vorbild für eine erfolgsversprechende Kultur, die sowohl der hohen Dynamik und den immer kürzeren Entwicklungszyklen gewachsen ist als auch den Wünschen der Menschen nach einem ausgefüllten Berufs- und Privatleben gerecht wird.

Als der Bedarf an der Technischen Kommunikation und an Technischen Redakteuren immer mehr wuchs, habe ich 1997 eine weitere Firma gegründet und zusammen mit zwei Kollegen an der Hochschule Karlsruhe die Studiengänge für Technische Redaktion (heute Kommunikation und Medienmanagement) eingerichtet, deren Masterstudiengang ich seit einigen Jahren leite. In 30 Jahren hat sich daraus eine boomende Branche entwickelt. Meine Comet-Firmengruppe habe ich 25 Jahre geleitet und schließlich 2012 erfolgreich verkauft. An der Hochschule können wir uns heute über eine große Beliebtheit und Nachfrage sowohl auf der Eingangs- als auch auf der Ausgangsseite freuen. Für unsere 70 Bachelor-Plätze haben wir jährlich ca. 1.400, für unsere 20 Masterplätze ca. 120-150 Bewerberinnen und Bewerber, und unsere Studierenden haben hervorragende Berufsaussichten.

Wie viele andere Professorinnen gab es in Deinem Fachbereich, als Du Deine erste Stelle an der Universität antratst?

Sissi Closs: Keine, an der Hochschule waren wir damals insgesamt 5 Professorinnen (ca. 5%).

Und heute? Wie ist es bei den Lehrenden & Forschenden um die Gender Gap im MINT-Bereich bestellt? Ist es bei ProfessorInnen ähnlich wie bei StudentInnen?

Sissi Closs: Heute sind wir an der Hochschule insgesamt 20 Professorinnen mit einem Anteil von 10%, was immer noch viel zu wenig ist. Deswegen ist besonderes Engagement zur Gewinnung von mehr Professorinnen gefragt.

Das Projekt „Traumberuf Professorin“ soll dieses Ungleichgewicht ausbalancieren. Kannst Du uns einmal umreißen, worum es geht?

Sissi Closs: In unserem Verbundprojekt „Traumberuf Professorin“ engagieren sich sieben Hochschulen für mehr Professorinnen an Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW). In diesem vom Europäischen Sozialfond und dem Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Baden-Württemberg geförderten 4-jährigen Mentoring-Programm werden in 3 Runden insgesamt 95 Tandems zwischen Mentees aus Wirtschaft/Verwaltung und Mentorinnen/Mentoren einer HAW gebildet. So und durch den Kontakt der Mentees untereinander findet eine Vernetzung von Frauen in Wissenschaft und Wirtschaft statt, die es erleichtert, bei zukünftigen Berufungsverfahren und Forschungsvorhaben gezielt Frauen zu erreichen. Jede Runde enthält ein einjähriges, qualifizierendes Begleitprogramm. Wir freuen uns, wenn sich interessierte Frauen aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft bei uns für das Programm bewerben.

Du bist seit der Premiere des Ada Lovelace Festivals, Teil des Advisory Boards, den Ada’s Experts. Warum ist „Connecting Women in Computing & Technology“ für Dich wichtig?

Sissi Closs: Gut vernetzt gelingt es beruflich wie privat besser, sein Leben zu gestalten, Chancen zu erkennen und Träume zu verwirklichen. Das Ada Lovelace Festival trägt kompetent und anspornend dazu dabei, Frauen im MINT Bereich zu vernetzen und hat mich daher von Anfang an begeistert. Ich bin froh und stolz, Teil des Advisory Boards zu sein.