Stuttgart Services: Mobilität 2.0 – Interview Dr. Markus Raupp

Dr. Markus RauppInterview mit Dr. Markus Raupp, dem Prokurist und Leiter Marketing & Vertrieb der Stuttgarter Straßenbahnen AG.
Er spricht die am ersten Konferenztag der Convention 3 zum Thema mobiles Ticketing: „Stuttgart Services: Kundennutzen durch Vernetzung und einheitlichen Kundenzugang.“

Herr Dr. Raupp, die Stuttgarter Straßenbahnen AG ist Konsortialführerin im Projekt Stuttgart Services. Eine „multi- und intermodale Informations- und Buchungsplattform“. Klingt aus Kundensicht zunächst kompliziert. Was hat es genau damit auf sich?

Dr. Markus Raupp: Klingt kompliziert, soll dem Kunden aber vieles erleichtern. Kern der Plattform ist eine Mobilitätsauskunft, die den einfachsten Weg von A nach B zeigt, egal ob mit dem ÖPNV, einem Sharinganbieter oder einer Kombination aus beidem. Wird die Route mit einer Kombination zurückgelegt, also z.B. mit dem Call a Bike zur nächsten Haltestelle und von dort weiter mit der Bahn, so spricht man von intermodal. Beim Begriff multimodal steht nicht mehr der Weg im Mittelpunkt, sondern der Anlass für die Reise. Regelmäßige Fahrten ins Büro legt man vielleicht eher mit dem ÖPNV zurück, zum samstäglichen Familiengroßeinkauf fährt man mit dem eigenen PKW. Das Portal soll alle möglichen Alternativen anzeigen, so dass der Nutzer die für ihn geeignete auswählen kann.

Information und Reservierung/Buchung sollen perspektivisch auch für weitere Angebote zur Verfügung stehen. Etwa für die online-Vereinbarung von Terminen bei städtischen Ämtern. Mit dem Portal und übrigens auch der zugehörigen Chipkarte werden (Elektro-)Mobilität und urbane Angebote vernetzt. Basis und Herausforderung für das Kundenportal ist die weitreichende technische Integration autarker Systeme über verschiedene Anbieter hinweg. Hierfür und insbesondere für die Einbindung elektromobiler Angebote wird das Projekt im Rahmen der Schaufensterinitiative der Bundesregierung durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie gefördert.

Welche Verkehrsmittel sind dort integriert?

Dr. Markus Raupp: In diesem Portal werden sowohl der öffentliche Nahverkehr als auch Carsharing, derzeit car2go, stadtmobil und Flinkster, sowie Bikesharing, Call a Bike, nextbike, integriert. Hinzu kommen Fußwege oder der private PKW. Durch standardisierte Schnittstellen sollen weitere Anbieter mit möglichst wenig und vor allem planbarem Aufwand aufgenommen werden können. Neben Echtzeitdaten für den ÖPNV sollen auch Echtzeitdaten für den Individualverkehr verfügbar sein. Die Chipkarte ist dann das Medium, mit dem die Angebote genutzt werden können. Für den ÖPNV ist auf der Chipkarte mit gültigem VVS-Abo ein elektronisches Ticket gespeichert. Für Car- und Bikesharing sowie Elektro-Ladestationen ist sie der Schlüssel, der die Fahrzeuge öffnet. Mit integrierter Bezahlfunktion lädt man Geld auf ein Hintergrundkonto und kann damit an allen Stellen, die MasterCard akzeptieren, bezahlen.

Wie sind Sie in der Pilotphase vorgegangen?

Dr. Markus Raupp: In einem Friendly-User-Feldtest von Mai bis September 2014 haben ausgewählte Nutzer die Stuttgart Service Card im Alltagsgebrauch getestet. Neben dem ÖPNV im gesamten VVS-Gebiet konnten sie auch die (elektro-)mobilen Angebote von Call a Bike, Flinkster, stadtmobil und car2go sowie die EnBW-Ladestationen nutzen oder per Bezahlkarte bargeldlos einkaufen.

Begleitend haben die Projektpartner Fraunhofer IAO und Universität Ulm eine Befragung sowie eine GPS-Tracking-Studie durchgeführt. Knapp 90% der Friendly-User bewerteten in den Befragungen vor und nach dem Feldtest das Konzept der Stuttgart Service Card als positiv bis sehr positiv. Im Test zeigte sich eine positive Tendenz hinsichtlich nachhaltiger Mobilitätsformen: Die Angebote des ÖPNV wurden häufiger genutzt, gleichzeitig ging die Nutzung des privaten PKWs zurück. Für die befragten Personen stellt neben dem ÖPNV auch das Car- und Bikesharing eine attraktive Alternative zum privaten PKW dar.

Gerade bei der Chipkarte zeigt sich, dass wir mit Stuttgart Services gleichzeitig Forschungs- und Umsetzungsprojekt sind. 2014 haben wir die Chipkarte unter dem Arbeitstitel Stuttgart Service Card erfolgreich getestet, ab Herbst 2015 führen wir sie unter der Endkundenmarke polygo – Mobilität und Services in der Region Stuttgart als polygoCard ein.

Interessant, wie vielfältig Mobilitätskonzepte inzwischen sind. Was ist für Sie „das Nächste Große Ding“?

Dr. Markus Raupp: Für uns ist die konkrete nächste Aufgabe, möglichst viele Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt in den Massenmarkt zu überführen. Wie oben geschildert, beginnt dieser Schritt für die polygoCard bereits 2015. In Bezug auf das Portal ist ein funktionsfähiger Prototyp ein erster Erfolg für das Projekt. Perspektivisch ist es nun Ziel, ein massenmarkttaugliches Portal bereitzustellen. Bei der Chipkarte soll die Vision einer Bürgerkarte weiterverfolgt werden. Zusätzliche, insbesondere städtische Leistungen, sollen mit der polygoCard nutzbar sein. Denkbar ist es, den polygo Ansatz auf weitere Kommunen in der Region Stuttgart und perspektivisch sogar darüber hinaus zu übertragen.