Alexander Birken: Gestalter, Unterstützer, Lehrender und Lernender


Alexander Birken Otto Group

Alexander Birken, Vorstandsvorsitzender der Otto Group, lässt es sich nicht nehmen und beantwortet direkt alle 30 Fragen unserer DIGITALEN Details. Dabei hilft ihm sein Sprachassistent. Einen Roboter für seine persönliche Steuererklärung hätte er auch gerne. Künstliche Intelligenz ist für Alexander Birken gleichzeitig sowohl die aktuell interessanteste technische Entwicklung als auch der am meisten überbewertete Hype im digitalen Bullshit Bingo. Außerdem wirft er für uns einen Blick in seine Glaskugel.

Im Vorfeld der WirtschaftsWoche #dsuite18 haben wir den diesjährigen SpeakerInnen dreißig Fragen gestellt, die sich mal mehr und mal weniger um ihren digitalen, privaten oder beruflichen Alltag drehen. Die Interviewten suchen sich eine Handvoll Favoriten aus und verraten so mehr als nur den üblichen Lebenslauf über sich. Viel Spaß mit den DIGITAL DETAILS.

DIGITAL DETAILS mit Alexander Birken (Vorstandsvorsitzender der Otto Group)

Blicken Sie eher optimistisch oder pessimistisch in die digitale Zukunft? Weshalb?

Alexander Birken: Grundweg optimistisch. Ich glaube, dass die positiven Auswirkungen der Digitalisierung, zum Beispiel im Bereich der Künstlichen Intelligenz, die negativen weit überwiegen werden – auch wenn wir ganz sicher vor großen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen stehen.

Benötigen Sie von Zeit zu Zeit eine Art „digital Detox“? Wenn ja, was tun Sie dann?

Alexander Birken: Ja, natürlich. Ich denke sogar, dass das für uns alle gilt. Es entsteht manchmal eine Art Abhängigkeit vom Smartphone. Es einfach einmal liegenzulassen, nicht anzuschalten oder auch mal über das Wochenende den sozialen Medien fernzubleiben, ist hier schon sehr hilfreich.

Welche technologische Entwicklung finden Sie derzeit am interessantesten und warum?

Alexander Birken: Künstliche Intelligenz. Die Entwicklung in diesem Bereich verläuft exponentiell und niemand ist bisher in der Lage, alle Folgen vorauszusehen. Allein in unserem Bereich, dem Handel, hat KI schon jetzt Auswirkungen in Bereichen wie beispielsweise Business Intelligence, Kundenkommunikation, Logistik, Conversational Commerce, der Ausgestaltung von Jobprofilen. Auch die gesellschaftlichen Umwälzungen werden enorm sein.

Würden Sie mit einem autonom gesteuerten Flugtaxi fliegen?

Alexander Birken: Natürlich würde ich ein Flugtaxi benutzen, aber ich glaube, es gibt viel relevantere Themen im Verkehr, die wir mit der Digitalisierung voranbringen können. Beispielsweise die Sicherheitssysteme von LKW.

Welches digitale Tool würden Sie sich persönlich wünschen?

Alexander Birken: Toll wäre es, mehr Zeit für Familie und Freunde zu haben. Das wird mir aber wohl kein digitales Tool je ermöglichen können. Im Kleinen wäre es schon schön, wenn die Diktierfunktion meines Smartphones noch ein wenig fehlerfreier funktionieren würde.

In welchem Jahr werden in Deutschland mehr selbstfahrende als „traditionelle“ Autos fahren?

Alexander Birken: Das autonome Fahren entwickelt sich gefühlt sehr schnell. Ich denke aber, ein paar Jahre wird es schon noch dauern. Mein Blick in die Glaskugel verrät mir: Es wird 2033.

Wohin sollte jeder einmal reisen?

Alexander Birken: Da sind die Vorlieben eines jeden Einzelnen natürlich unterschiedlich. Ich war vor einem Jahr in Bangladesch. Die Lebenssituation vieler Menschen dort ist chaotisch, das Elend oft mit Händen zu greifen. Vor Ort kamen mir Gedanken wie ,Über welche Themen rege ich mich eigentlich auf?‘, ,Worüber machen ich mir eigentlich Gedanken oder Sorgen?‘. Der Besuch hat meine eigene Perspektive auf vieles relativiert und mich geerdet.

Glauben Sie, dass die Zwischenmenschlichkeit im digitalen Zeitalter manchmal leidet?

Alexander Birken: Die Befürchtung hätte ich vor einigen Jahren vielleicht noch geteilt. Inzwischen stelle ich fest, dass das persönliche Gespräch, auch bei jüngeren Menschen, eher wieder an Bedeutung gewinnt. Wenn’s wichtig ist, geht halt nichts über den persönlichen, direkten Austausch.

Welches Buch zum Thema Digitalisierung können Sie empfehlen?

Alexander Birken: Ian Goldin, Chris Kutarna: Die zweite Renaissance. Warum die Menschheit vor dem Wendepunkt steht.

Was, glauben Sie, zeichnet eine Führungspersönlichkeit – insbesondere im digitalen Zeitalter – aus?

Alexander Birken: Grundsätzlich geht es dabei für mich um eine neue Offenheit, um bessere Vernetzung und um Partizipation – auch bei Entscheidungen. Im Idealfall führt all‘ das nicht nur zu einer größeren Zufriedenheit der Kolleginnen und Kollegen, sondern auch dazu, dass ein Unternehmen schneller, agiler und flexibler wird. Tradierte Führungsbilder müssen massiv entwickelt werden. Führungskräfte im digitalen Zeitalter sind viel stärker Enabler, Coach und Raum-Schaffende.

Erinnern Sie sich an eine berufliche Situation, aus der Sie besonders viel für Ihren weiteren Werdegang gelernt haben?

Alexander Birken: Spannenderweise gab es die meisten „Learnings“ insbesondere in Situationen, die besonders schwierig waren, oder bei Themen, die nicht wirklich gelungen sind.

Was möchten Sie einmal im Rückblick über Ihr Berufsleben sagen können?

Alexander Birken: Ich hoffe, dass ich dann einen Beitrag leisten konnte zum guten Gelingen der digitalen Transformation der Otto Gruppe.

In welchen Situationen blicken Sie neidisch auf die Digital Skills jüngerer Menschen?

Alexander Birken: Neid ist nicht der richtige Begriff. Manchmal bin ich fasziniert, wie entspannt junge Leute mit hochkomplexen technologischen Themen umgehen können. Das ist eher beeindruckend.

Haben Sie eine Literatur-Empfehlung à la „Das sollte jeder in seinem Leben einmal gelesen haben?“ Oder einen entsprechenden Film-Tipp?

Alexander Birken: Ein Buch? Natürlich die Bibel mit ihrer unglaublichen Tiefe und Bedeutung! Oder etwas Neueres: Benedict Wells‘ „Vom Ende der Einsamkeit“, ein wortstarker, emotionaler und hoch intelligenter Roman.

Welche Tätigkeit würden Sie sich liebend gerne von einem Roboter abnehmen lassen?

Alexander Birken: Die Erstellung meiner persönlichen Steuererklärung.

Bei welchem Song wippen Sie – bewusst oder unbewusst – jedes Mal sofort mit?

Alexander Birken: Bei allen Songs, die von The Young ClassX aufgeführt werden. Das ist das Jugendprojekt bei dem ich mich gern engagiere und bei dem ich unterstützen kann. The Young ClassX führt Kinder und Jugendliche genreübergreifend an Musik heran und motiviert sie, selbst aktiv zu musizieren. Es ist unglaublich, welche Freude die jungen Menschen in diesem Projekt entwickeln und wie sie die Freude in den Konzerten zurückgeben an das begeisterte Publikum.

Nutzen Sie bereits KI in Ihrem Unternehmen?

Alexander Birken: Ja, natürlich. In zahlreichen Bereichen unserer Unternehmensgruppe wird KI eingesetzt. Insbesondere in einigen Prognose-Bereichen wird KI schon heute stark genutzt.

Was wollten Sie als Kind werden und was machen Sie heute beruflich?

Alexander Birken: Als Kind hatte ich verschiedene berufliche Ziele: Vom Arzt über den Piloten bis hin zum Rennfahrer. Geworden ist daraus (leider?) nichts! Heute habe ich einen Beruf, der viel toller ist als alles, was ich mir als Kind gewünscht habe. Ich bin Gestalter, Unterstützer, Lehrender und Lernender – es gibt noch so viel mehr Begriffe, die besser passen würden als meine Berufsbezeichnung „Vorstandsvorsitzender“.

Besitzen Sie Kryptowährung?

Alexander Birken: Nein.

Was ist „die“ Blockchain? In drei Sätzen!

Alexander Birken: Blockchain ist eine internetbasierte Datenbank, die ein fälschungssicheres, nicht manipulierbares und zugangsgeschütztes Verzeichnis von Transaktionen oder Dokumenten ermöglicht. Die Technologie nutzt dabei rechenintensive, kryptographische Verschlüsselungsverfahren der Datensätze, genannt „Blöcke“, die miteinander verkettet sind. Damit lassen sich sichere und günstige Abläufe durchführen, verifizieren und automatisieren, wie zum Beispiel Produktverifizierungen, digitale Unterschriften und Transaktionen mit hohem finanziellen Wert. In einem Satz: Blockchain wird alle Bereiche, in denen Intermediäre eine Rolle spielen, massiv verändern.

Brauchen Unternehmen heute einen CDO – also einen Experten, der sich bereichsübergreifend um die Digitalisierung des Unternehmens kümmert?

Alexander Birken: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die Digitalisierung in Unternehmen voranzubringen. Wir haben uns sehr bewusst entschieden, hierfür einen CDO zu gewinnen.

Welches war Ihr erstes digitales Gadget?

Alexander Birken: Mein Texas-Instrument-Taschenrechner!

Wann haben Sie das letzte Mal einen Brief mit der Hand geschrieben?

Alexander Birken: Es gibt verschiedene Situationen, in denen ein handgeschriebener Brief oder eine handgeschriebene Karte einfach angemessener sind. Vor wenigen Tagen habe ich genau solch‘ eine Karte geschrieben.

Auf welchen digitalen Netzwerken sind Sie am liebsten unterwegs?

Alexander Birken: Ich schaue mir verschiedenste digitale Netzwerke schon aus beruflichen Gründen intensiv an. Am liebsten bin ich in unserer firmeninternen Otto-Group-App „OG2GO“.

Welches ist der am meisten überbewertete Hype im digitalen Bullshit Bingo?

Alexander Birken: Künstliche Intelligenz. Das überrascht vielleicht, aber vieles was angeboten wird, ist nicht künstlich. Und manches noch nicht einmal wirklich intelligent. Die echte Künstliche Intelligenz hat allerdings ein außerordentliches Potenzial.

Haben Sie einen Sprachassistenten?

Alexander Birken: Ja, ich benutze ihn gerade für dieses Interview.

Was motiviert Sie?

Alexander Birken: Gemeinsam mit anderen die richtigen Themen voranbringen zu dürfen.

Wie waren Ihre bisherigen Erfahrungen mit Chatbots?

Alexander Birken: Wir sammeln bei OTTO und anderen Konzernfirmen schon seit einiger Zeit Erfahrungen mit Chatbots. Ich denke, hier liegt nach vorn blickend ein hohes Potenzial.

An welchem Ort kommen Ihnen die besten Ideen?

Alexander Birken: Gute Ideen sind meist ortsunabhängig.

Deutschland und die Digitalisierung – zeichnen Sie eine helles, düsteres oder ein „Sowohl, als auch“-Zukunftsbild für die wirtschaftliche Entwicklung?

Alexander Birken: Tatsächlich bietet die Digitalisierung großartige Chancen. Aber die Rahmenbedingungen müssen hierfür geschaffen werden. Ich würde mir eine deutlich offenere und ehrlichere Diskussion zu allen Vor- und Nachteilen der Digitalisierung wünschen.